Donnerstag, 6. März 2014

Was kann Kunst anregen? Kann Kunst protestieren?

Pablo Picasso: „Kunst wischt den Staub des Alltags von der Seele.“ / „Kunst ist eine Art Aufruhr.“

Kunst regt an, Kunst regt auf, Kunst ist ein Gespräch, eine Mitteilung. Sie reißt mich aus dem Alltag und bringt mich dazu, über Dinge nachzudenken, manchmal anders Kontexte zu sehen. Sie begeistert mich, wo ich die menschengeschichtlichen Entwicklungen begreife, wo sie mir einfach „gut tut“ durch ihre Schönheit, Klarheit, Direktheit, sie lässt mich lachen und schmunzeln – und hinter die Dinge und die Menschen schauen.
Kunst kann protestieren. Sie zeigt Missstände auf, Gewalt, Verbrechen, Krieg, sie verbildlicht abstrakte Themen, kann verdichtet viele Inhalte auf einem Tableau zusammenfassen. – Man denke nur an alte, traditionelle Gemälde von Kriegsschauplätzen, an politische Plakate, an Radierungen mit sozialen Inhalten ...

Wie begegnest du der Kunst anderer?

Zunächst mal begegne ich der Kunst anderer grundsätzlich offen. Allerdings gehe ich sehr schnell mit konkreten Aspekten an sie heran: ist sie gut gemacht ? Kommt die Idee zum Tragen? Ist es neu, witzig, aussagestark? Ich wende mich ab von dem, was mich nicht packt, was ich innerlich schnell als beliebig oder langweilig bewerte. – Oft ziehe ich mein Wissen aus der Kunstgeschichte als Bewertungskriterium heran.
Ich gehe nicht davon aus, dass ich alle Kunst verstehen und gut finden muss. Verschiedene Kunststile sprechen verschiedene Sprachen, individuelle Aussagen bewegen mich unterschiedlich: ich wünsche mir, durch die gewählte künstlerische Sprache angeregt zu werden.
Kunst muss mich ansprechen, mich überraschen oder berühren. Dann macht es KLICK in mir, entweder intellektuell oder aber auch auf der emotionalen Ebene. Ich kann mich begeistern über witzige oder kritische Kunst oder ungewöhnliche Materialien oder Zusammenhänge, in den Kunst gestellt wird. Ich werde berührt durch die Kraft eines Kunstwerks – das hat auch immer etwas mit mir zu tun, ich „verstehe“ die Aussage auf einer tieferen Ebene. Dann versenke ich mich in Kunst, vergesse alles um mich rum und darf beim Gucken „spielen“ wie ein Kind und mich freuen.

Fragen zur Kunst

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In welcher Form näherst du dich der Kunst? Was drückt sie für dich aus?
Ich bin ein „Augentier“, ein „Bildermensch“, jemand, der in kompletten Bildern denkt. Kunst ist für mich die Möglichkeit, mein Leben durch Anderes als Worte auszudrücken. Da, wo Sprache versagt, stehen die Bilder im Vordergrund. Hier kann ich auch Dinge, die nicht gleichzeitig passieren, auf einer Ebene zusammenfassen. Manchmal begreife ich die Dinge um mich, Leben als solches oder auch mich besser, wenn ich zeichne und male, experimentiere und zum Ausdruck bringe. Denn Farben, Linien, Formen, Kompositionen sind elementar ehrlich und lassen sich quasi „lesen“ – manchmal mehr oder anders, als es das Gegenüber als Person vermuten lässt; oder man überrascht sich selbst, wie ehrlich Strich und kreative Aussage zur eigenen Befindlichkeit sein können.

...

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Interview: We don't need no thought control

Fragen an Eleni: Wie wirkungsvoll sind Pink Floyds politische Botschaften? Wo setzt das bei dir an, wenn du Musik hörst? Was macht das mit dir?
Ich denke, dass Pink Floyd eine bemerkenswerte Aussagekraft haben. Sie kritisierten/ kritisieren im Falle von Roger Waters immer noch, politische System und engagieren sich vehement gegen Krieg. Krieg ist falsch, das haben sie immer wieder propagiert und in ihrem Album The Wall kommt dies besonders zum Tragen. Darin arbeitet Roger Waters auf, was der Krieg (WW2) für eine Wirkung auf seine Familie hatte. Wenn ich Kommentare auf facebook lese, die auf Roger Waters, seine aktuelle The Wall Show etc. reagieren, merke ich, dass mindestens die Fans ehrlich berührt sind und sich Gedanken machen. Besonders interessant fand ich, dass man Roger Waters Antisemitismus vorgeworfen hat - was absolut erlogen und weit hergeholt ist. Er hat jedoch bravurös darauf reagiert (open letter) und seinen Gegnern den Wind aus den Segeln genommen. Toll fand ich, dass Roger Waters angesichts der Krise in Griechenland, die Ticketpreise für seine Show auf 18 Euro gesenkt hat (siehe Botschaft auf seiner Website). Musik ist auch dazu da, Menschen politisch zu erreichen. Ich finde, man sollte das nicht ausnutzen, aber auf Probleme aufmerksam zu machen ist völlig legitim. Wenn ich Pink Floyd höre, empfinde ich deren Emotionen durch ihre Musik und Texte absolut nach. Ich kann die Wut fühlen, die schmerzhafte Trauer und die kalte Resignation vor der bösen Welt da draußen. Mich ermutigt es, genauer auf meine Umwelt zu achten und darauf, was mit der Welt passiert. Vor allem die Botschaft, dass Krieg schlecht ist, hat sich bei mir eingebrannt. Ich fühle Solidarität zur Band, zu Waters, in ihrem Wunsch, die Welt etwas besser zu machen und gleichzeitig zu akzeptieren, dass sie irgendwo immer ein Stückchen schlecht sein wird.

Kommentar Kyla

I think that musicians are privileged in that they have a platform from which to speak and that is a very powerful tool to affect change. As the saying goes 'with great power comes great responsibility', and I believe that in this day and age it is important to use that platform for positive change in the world.
Simplistically I believe that music with a positive message and feeling cannot help but have a positive impact. I think that Freshlyground has managed to build a global community of people who live for a more positive society. I think we have done this through our music and more specifically through the messages in our music, the most important of which is a message of love - for one's self and those around you.
Freshlyground is actively involved with the Desmond Tutu HIV Foundation, we contribute a percentage of our monthly earnings in order to pay the salaries of their HIV/AIDS Counsellors, as well as hosting fundraisers for the foundation. We have also contributed towards building a youth center for them in a township in Cape Town. South Africa is at the epicenter of the global HIV/AIDS pandemic, with a reported 6,4 million people infected, almost 10% of which are youth. This pandemic is having a radical trickle-down effect on the youth, decimating the education system with many children being forced to drop out of school to head households or take care of family members. In a country that is already struggling under the burden of the inequalities of the past, this has to be unacceptable - especially to those of us who have a voice and a platform to speak. With music and the power of the stage and live performance we have been given an opportunity to 'hijack' for a moment the minds and hearts of our audience and spread positive messages - that we hope they will leave our shows with and pass on to those around them - growing an army and a community to fight the inequalities in this world.

Chicken to Change...

Chicken-to-Change

Schallraum & Echo von Gedankenwelten

“Who are we, who is each one of us, if not a combination of experiences, information, books we have read, things imagined? Each life is an encyclopedia, a library, an inventory of objects, a series of styles, and everything can be constantly shuffled and reordered in every way conceivable.”
― Italo Calvino

Was könnte uns Einblick in die Gedanken anderer geben? Kann alles zu einer Quelle unser Nachforschungen werden? Was sind die Ausschnitte, die – wie Calvino schreibt – unsere Enzyklopädie „Leben“ mit Inhalten füllen?
Anders herum könnte man auch fragen: gibt es etwas, das uns rein gar nichts über andere und ihre Gedanken verraten kann? Who are we, who is each one of us, if not a combination of experiences, information, books we have read, things imagined, schreibt Calvino. Anders formuliert: Wir sind, was wir und was andere (aus)denken. Aber: Wie kann das, was ich denke, Dich anrühren? Wie gehe ich den Schritt von meinem Kopf in Deinen Kopf?

Ich möchte hierzu ein Beispiel aus dem Bereich der Musik heranziehen:
Denken wir einmal daran, wie schnell es gehen kann, dass wir mit einem Klick auf den Einschaltknopf des Radios eine ganze Reihe von Assoziationen auslösen. Ein Lied trägt uns an Orte unserer Erinnerung oder unserer kühnsten Phantasie, Lieder motivieren uns, lassen uns inne halten, nachdenken oder den Kopf endlich einmal ausschalten. Das Medium Musik kommuniziert. Ob wir uns dessen bewusst werden oder nicht.

Wenn Herbert Grönemeyer den Verlust seiner Frau verarbeitet, dann fühlen sich andere davon berührt – vielleicht, weil sie sein Empfinden aufgrund persönlicher Erfahrungen nachvollziehen können oder weil sein Schicksalsschlag durch seine Musik begreifbar wird. Wenn David Hasselhoff „Looking for Freedom“ singt, dann wissen meine Eltern und ihre Freunde immer noch ganz genau, wie es sich damals, 1989, angefühlt hat und verbinden mit I've been looking for freedom I've been looking so long, I've been looking for freedom, Still the search goes on viel mehr als nur ein Lied.

Daraus lässt sich folgern: Wir geben Musik eine Bedeutung für uns und das immer wieder, für die verschiedensten Situationen - mal sind wir dabei allein, mal machen wir gemeinsam Erfahrungen, die von Liedern begleitet werden. Fakt ist, dass Musik ein Erlebnis werden kann.

Für gewöhnlich ernten wir im universitären Kontext skeptische Blicke, wenn wir uns der Analyse von Songtexten, Gedichten, Photos, Bildern – von Kunst – zuwenden. Zumindest dann, wenn wir dazu ansetzen, diese für politikwissenschaftliche Sinnsuche fruchtbar zu machen. Wenn wir jedoch allein von uns selbst ausgehen, vom Effekt der morgendlichen Radiomusik und den Berichten der Eltern von 1989, dann wissen wir: Musik, das sind Ausschnitte von Geschichten, Anreize für emotionale Reaktion und definitiv „sprechende“ Zeitzeugen von Entscheidungen und Entscheidungsgründen.

Dave Hickey äußerte sich in einem Interview zur politischen Dimension von Kunst folgendermaßen: „Wie viele Leute finden etwas schön; um wen handelt es sich dabei, und wie wirkt sich dies auf ihr Entscheidungsfindung aus? An diesem Punkt überschneiden sich Kunst und Politik“ („The Invisible Dragon“, MONOPOL, 2013, S. 22). Grönemeyer, Hasselhoff – wer auch immer singt, wer singt, der wird gehört und das was wir da hören, wird zu mehr als nur einer Melodie. Es wird zu etwas, dem wir eine Bedeutung beimessen, die eventuell handlungsleitend wird. Damit wird Kunst potentiell politisch. Damit wird Musik für uns - über ihre bloße Schönheit hinausgehend – im wissenschaftlichen Kontext interessant.

Politische Botschaften verpacken viele Bands. Pink Floyd inszeniert auch heute noch ihr Lied „The Wall“ und vermittelt metaphorische Schlagkeulen gegen Krieg, Bevormundung und Vorurteile (siehe hierzu auch das Interview mit Eleni Blum, S.18). In die andere Richtung gedacht finden wir nationalsozialistische Propaganda, die auf Schulhöfen in CD Form verteilt wird – denn: Musik, die geht so einfach ins Ohr, die geht so schnell in den Kopf. Wer mit Musik argumentiert, der muss oft gar nicht allzu explizit werden. Ein, zwei Bilder und ein, zwei Anspielungen reichen, um ein System zu kritisieren, einen Umstand anzuprangern oder eine Änderung herbeizurufen – im wahrsten Sinne. Darauf bauen Protestlieder auf, daraus entstanden Blues und Jazz oder auch erfolgreiche Rap und Hip Hop Künstler in den USA und weltweit.


Musik geht „andere Wege“, die Kommunikation von Wünschen, Ideen, Anregungen geschieht über Symbole, Melodien, ggf. Videos; und sie ist dabei immer auch ein Ansatz, Mitsprache zu generieren, Austausch zu vitalisieren und Kritik zugänglich zu machen. As musicians we have a platform. People listen to us. Especially young people and I think that does come with a certain sense of responsibility and it is important to promote a positive message (Youthvillage.co.ca, Interview, 2010). So formulierte es Kyla-Rose Smith, Mitglied der pan-afrikanischen Band Freshlyground.

In ihrem Lied „Chicken to Change“ richtete sich die Band 2012 an Zimbabwes politisches Oberhaupt Robert G. Mugabe und warf ihm vor: You promised always to open the doors for us. Indeed it is you and only you who sleeps with the key. You are chicken to change (Songtext Chicken to Change, Freshlyground, 2012).
Mit einem phantastischen Video, das sie zusammen mit dem Karikaturisten Zapiro konzipiert und gemeinsam mit dem Produzenten von ZA News, Thierry Cassuto, aufgenommen haben, verpackten Freshlyground ihre Kritik in vollblütige Rhythmen und drastische Bilder. Robert Mugabe, Nelson Mandela, Desmond Tutu (Domino spielend), Jacob Zuma (flirtend) und Thabo Mbeki – alle haben sie ihren Auftritt im Video zum Song. Die Band selber tritt auf, traditionell im Stil der 80er in Zimbabwe gekleidet, und tanzt wie Hühner, was ihre Kritik selbstironisch untermalt.
Hühner, die in Zimbabwe mit Armut assoziiert werden, werden Herrn Mugabe im Musikvideo zum Kauf angeboten, ihre Federn fliegen ihm in die Augen und er wischt diese ungeduldig bei Seite. Sein Parteisymbol, ein stolzer Hahn, wirkt neben dem aufgeplusterten, mageren Federvieh deplatziert und seltsam realitätsfern. Und genau darum geht es der Band. Einleitendes Lob des Präsidenten für sein Engagement 1980, als Zimbabwe unabhängig von Großbritannien wurde, wird gefolgt von Barszenen und Chauffeurszenen, die in starkem Kontrast mit den Szenen außerhalb der fröhlichen Trinkwelt und hinter der Scheibe des verdunkelten Wagens stehen. Kritik wird laut an Mugabes 30-jähriger Machtstellung: You promised always to open thedoors for us. Indeed it is you and only you who sleeps with the key. You are chicken to change. Was hier gefragt zu werden scheint ist: wozu Unabhängigkeit, wenn dies das Resultat ist? Was ist aus dem Versprechen geworden, I, Robert Gabriel Mugabe swear that I will be faithful and swear to allegiance to Zimbabwe – so help me God?

Die Antwort wird im Song formuliert: das einstige Versprechen scheint hinter abgedunkelten Scheiben weit, weit fort zu sein – Armut der Bevölkerung gehört nicht zu der Realität des Präsidenten des Landes. Vielmehr scheint es in seiner Politik um Macht und mehr Macht zu gehen – für ihn persönlich und die Elite „seines“ Landes.

Wie zu erwarten war, hat Herr Mugabe auf die Kritik wenig erfreut reagiert. Der Band ist bis auf Weiteres die Einreise in das Land verweigert worden; von Konzerten kann erstmal nicht die Rede sein. Ein Misserfolg ist der Song damit jedoch noch lange nicht. Das Lied ist frei zum Download verfügbar gemacht worden und wird in Zimbabwe hinter verschlossenen Türen gehört. Und nicht nur das: es wurde in Afrika, in den USA, in Europa – in der Welt – gehört und kommentiert. The Telegraph, The Guardian, The Independent publizierten alle kurz nach Erscheinen des Stücks kritische Artikel. Blogs und Zeitungen aus Afrika schrieben begeistert: Freshlyground finally seem to feel confident enough to branch into political protest music. Hooray! und ein Journalist interpretiert das Lied als ein noch drastischeres Statement: Video by World Cup group Freshlyground challenges Zimbabwe dictator to "become the hero he used to be" -- and step down.”

Über ihre Rolle als Protestsong-Schreiber ließ die Band verkünden: The reason we decided to do that song and video is that it is an issue that is close to home for us as one of our members is from Zimbabwe and so the issue does have meaning beyond just being a political issue. But also it is not a totally serious song and does also poke fun at Mugabe – I think it is also good to look at things with a certain sense of humour and not take oneself too seriously, especially as an artist (Youthvillage.co.ca, Interview, 2010). Die Sprecherin der Band gab außerdem das Statement ab: We believe in freedom of speech and that people should be able to talk about topics that affect many civilians.

Musik, als Etwas, das nicht vollkommen Ernst genommen will, vermittelt manchmal leichter, was andernfalls schnell zu ernst wird. Auf die eingangs gestellte Frage Wie kann das, was ich denke, Dich anrühren? antworten: Einfach mal hinhören, einfach mal mitdenken und Resonanzraum für und Echo von Gedanken anderer werden.

Mittwoch, 5. März 2014

Graffiti in Kenia - Zwischen Kunst und Protest

Von Stephen Weber

Klick Klack. Klick Klack. Schummriges Licht einer einsamen Straßenlaterne batikt einen Hinterhof in eine Komposition aus schwarzen und orangen Farben. Klick Klack. Klick Klack. Ein junger Mann blickt erst über seine linke Schulter, dann über die rechte, die Kapuze seines Sweaters tief in das Gesicht gezogen. Klick Klack. Klick Klack. In der einen Hand hält er eine Spraydose, die er immer wieder rhythmisch schüttelt. Nervös schaut er sich um. Sieht mich jemand? Klick Klack. Klick Klack. Gespenstisch still ist es, lediglich der Widerhall der geschüttelten Dose schallt durch die sternenklare Nacht. Klick Klack. Klick Klack.

05-_dsc4707_slide-abb0cbf6ec719968a4b63f6b7456ef8e99a6a2e5Diese Szene spielte sich in einer Nacht von Freitag auf Samstag ab. Der junge Mann stammt aus Kibera, einem Slum in Nairobi, der Hauptstadt von Kenia. Er selbst nennt sich Swift9 und avancierte jüngst als Graffiti-Aktionskünstler zu einer lokalen Berühmtheit. Seinen richtigen Namen möchte er aus Angst vor staatlichen Repressionen lieber geheim halten – obwohl er mit seinen Videos inzwischen zu einem Renner auf YouTube geworden ist. Doch der Rummel um seine Person ist ihm eher unangenehm. Es genügt ihm, dass er wöchentlich bei illegalen Graffiti-Aktionen seine Freiheit riskiert, um künstlerisch politische Missstände im Land öffentlich anzuprangern. Es wäre deshalb nicht übertrieben, den jungen Mann als Avantgardisten bezeichnen, denn gemeinsam mit seinen Mitstreitern veränderte er die politische Protestkultur in einem Land, das in der Vergangenheit immer wieder durch Bad Governance in den Fokus der Weltöffentlichkeit geriet.

Doch was ist Bad Governance eigentlich? Die lancierten Unkenrufe, dass es sich dabei um eine Worthülse ohne analytischen Wert handele, schwirren seit geraumer Zeit durch die politikwissenschaftliche Fachliteratur. Sie besagen, dass der Begriff Bad Governance lediglich von westlichen Industrienationen und Nichtregierungsorganisationen bei Fehlentwicklungen und -leistungen eines Staates zum allgemeinen „Sündenbock“ erklärt werde, während eigenes Handeln und die damit vermeintlichen negativen Folgen weitgehend ausgeblendet blieben. Der Terminus ist demnach zu einem beliebten Mittel stilisiert worden, um eigene Schuld zu negieren und um wohl möglich weitere Fördermittel zu generieren, um etwaige Missstände zu korrigieren.

Murale-4-23Abseits dieser Kritik eignet sich der Begriff dennoch gut, um endogene Ursachen für ausbleibende Entwicklung in afrikanischen Staaten en bloc zu skizzieren. Diese führen über fehlende Rechtsstaatlichkeit, mangelnde Transparenz im politischen Entscheidungsprozess, Korruption bis hin zur limitierten Partizipationsmöglichkeit der Bürger. Alle Faktoren zusammengenommen münden in einem gefühlten Zustand der Ohnmacht des Einzelnen gegenüber eines elitenbetriebenen Macht- und Verwaltungsapparates. Gefangen in territorialen Grenzen, stumm aus Angst vor Sanktionen. Sich Fügen scheint einfacher zu sein, als sich zu wehren.

„Historically speakin', 'cause people be dissin,
the first graffiti artists in the world were the Egyptians.
Writing on the walls, mixing characters with letters,
to tell the graphic story about their life, however!“
- KRS-One - Out For Fame (1995) -


Murale-4-BTS-6Allerdings belegen immer wieder Zivilgesellschaften einzelner Staaten, dass sie freilich nicht gewillt sind, sich entmündigen zu lassen - so auch in Kenia. Die junge Generation in der Hauptstadt Nairobi möchte nämlich sehr wohl gehört werden und schlägt dabei alternative Pfade ein. Bewaffnet mit Sprühfarbe und Schablone überfallen sie graue Wände, um ihre Botschaften an den Mann zu bringen. Sie möchten zum Nachdenken anregen, revolutionäre Gedankenanstöße setzen, Aufmerksamkeit generieren. Sie wollen den Mitbürgern auf der Straße mitteilen: „Ihr seid nicht allein mit eurer Unzufriedenheit. Seid nicht ohnmächtig. Wehrt euch! Sagt was!“ Als Vorbild dient ihnen dafür der arabische Frühling, der in Tunesien und Ägypten seinen Anfang fand und dessen Grundstein subversive Graffitis in belebten Straßen waren.

Auf eine ähnliche Entwicklungen und gesellschaftliche Reaktionen hoffen nun Swift9 und seine Künstlerkollegen, die getreu dem Bottom-Up-Prinzip versuchen, auf kreativ-rebellische Art und Weise das Volk von unten herauf wachzurütteln und ein grundsätzliches Umdenken anzufachen. Dabei bedienen sich die Maler gezielt der Nutzung neuer Informationstechnologien wie dem Internet. So erlangen sie nicht nur beim Beobachter auf der Straße Aufmerksamkeit, sondern auch bei den Menschen in der Nachbarstadt, an den Landesgrenzen und gar über diese hinaus. Aufmerksamkeit ist die Währung der Künstler, der anschließende reflektierte Diskurs über die dargebotenen Inhalte ihr Ziel.

boniface-mwangi-kenyaDie Themen für die Inhalte ihrer Bilder liefert ihnen ihre Regierung. Auf dem Demokratieindex des Economist findet sich Kenia auf Position 104 zwischen den Palästinensischen Autonomiegebieten und Sierra Leone im hinteren Drittel des Rankings wieder. Den alten Eliten im ostafrikanischen Staat fehlt der Reformwille aus Angst vor dem Einbüßen von Macht und der damit verbundenen Verfügung über die Rohstoffe des Landes. Des Weiteren plagt sich Kenia seit Jahrzehnten mit lähmender Korruption und 'land grabbing'. Denn während sich das regierende Establishment an der Staatskasse bereichert, verarmt die eigene Bevölkerung. Bereits 2007 flammte aus diesen Gründen ein Feuer des Protests in Kenia auf. Auslöser waren die vermeintlich freien Präsidentschaftswahlen, deren offensichtlich gefälschtes Wahlergebnis heftige politische Unruhen innerhalb der Landesgrenzen auslöste. Es kam zur ethnischen Vertreibung von über 600.000 Menschen und einer Vielzahl an Todesfällen. In dieser Zeit und auch im Anschluss fand eine drastische Zensur und Einschränkung der Pressefreiheit statt. Redaktionsdurchsuchungen bei kritischen Blättern gehören seitdem zum traurigen Alltag in der Hauptstadt. Generell ist Kenia ein kulturell sehr heterogenes Land, in dem viele Interessen gegeneinander agieren und eine einheitliche Politik im Sinne der Gesamtbevölkerung äußerst schwierig erscheint.

"Don't hate the player, hate the game!"
- Looptroop - Don't Hate the Player (2004) -


Wenn man auf demokratischen Wege über Zeitungen und das Fernsehen nicht frei von staatlicher Unterdrückung seine Meinung äußern darf, suchen sich die Menschen neue Methoden und Wege, um durch Ästhetik den Aufstand, der in jedem unterdrückten Geist schwillt, wieder zu erwecken. Weitermachen. Niemals stillstehen. Das sind die Botschaften der Graffiti-Aktivisten. Ihr berühmtestes Bild schaffte es dabei zu überregionaler Bekanntheit und wurde im Rahmen vieler Nachrichtensendungen weltweit rezipiert. An einem zentralen Knotenverkehrspunkt Nairobis, der Muindi Mbingu Street nahe des Marktes, entstand in einer nächtlichen Aktion ein symbolträchtiges Wandbild, das von Boniface Mbwangi, einem prominenten Fotojournalisten, und Swift9 initiiert wurde.

_59373964_graffiti2Zu sehen ist neben dem Jahr der kenianischen Unabhängigkeit 1963 ein überdimensionaler Aasgeier, der einen korrupten Politiker symbolisieren soll. Unter seinem rechten Fuß lugt ein Frauenkopf hervor, der für die Unterdrückung des weiblichen Geschlechts im Lande steht. An der rechten Hand befindet sich ein angeketteter Koffer voller Geld, sinnbildlich für den gierigen Staatsbeamten, dem der Dollar näher ist als das eigene Volk. Über dem Kopf des Tieres schwebt eine Gedankenblase mit den Worten: „Ich bin ein Stammesführer. Meine Untergebenen plündern, vergewaltigen, brennen nieder und töten für mich. Ich klau ihnen ihre Steuern und ihr Land, und die Idioten wählen mich trotzdem wieder.“ Daneben prangert eine Liste, die alle Kalamitäten aufzählt, mit denen Kenia zu kämpfen hat: Land Grabbing, kulturelle Differenzen, Wahlbetrug, Korruption, uvm.. Auf der einen Seite subtil, auf der anderen Seite direkt überbringen die Sprüher ihre Botschaften, gepaart mit einem hohen künstlerischen Anspruch. Ein gefährliches Unterfangen: In Afrika wird – wie in vielen Entwicklungsländern – Kritik als Illoyalität verstanden und kann strafrechtlich geahndet werden.

CIMG0270Ein weniger prominentes, aber nicht minder aussagekräftiges Bild befand sich an einem ähnlich belebten Platz in zentraler Lage. Es entstand kurz vor der Präsidentschaftswahl 2012 und schwimmt im Kielwasser der politischen Unruhen von 2007, als es nach Wahlfälschungen zu tödlichen Protesten im Land kam. Der altbekannte Aasgeier hält diesmal eine Wahlurne um sein Handgelenk gekettet. Um die Urne flattern Dollarnoten, was die Käuflichkeit des elektoralen Prozesses unterstreichen soll. Doch anders als im vorherigen Bild thront der Geier nicht über dem Volk, sondern wird von einem resoluten Wähler mit einer Schlinge festgehalten. Im Hintergrund brennt ein Dorf, bewaffnete Zivilisten lauern am Rand. Diese Aufforderung zum Kampf und zum Widerstand gegen die herrschende Klasse soll ein Signal an alle Mitbürger sein, sich nicht der Willkür des autoritären Regimes hinzugeben. Es ist ein Hilferuf nach Recht und Ordnung, nach Rechtsstaatlichkeit und Freiheit. In einer Sprechblase über dem Wähler steht: „Die Macht muss zurück zum Volk. Ich bin der Wechsel. Ich möchte meine Stimme sehen, meine Wahl und unsere Zukunft.“ Daneben verewigten die Künstler: „Die neue kenianische Justiz ist unser Schutz und Verteidiger“. Es ist ein Aufruf zur Gegenwehr, ein offener Brief voller Hoffnungen, eine Warnung an den Regierungspalast,

Ein immer wiederkehrendes Motiv stellen bei den Bildern in Nairobi die Aasgeier dar. Ihnen widmete Mbowagi sogar eine eigene Homepage: http://mavulture.com (übersetzt: Viele Aasgeier). Auf ihr publiziert der Fotojournalist Impressionen seiner Aktionen gegen die Regierung. Der politische Provokateur, der 2008 und 2010 vom CNN mit dem Mohamed-Amin-Fotopreis ausgezeichnet wurde, stellt auf der Internetpräsenz korrupte Politiker bloß, veröffentlicht ihre politischen Profile und Missetaten, dokumentiert seine Protestaktionen im ganzen Land und publiziert informative Videos rund um Kenias Politik. Bei all dem schwingt stets eine gehörige Portion Stolz mit, denn alle seine Aktionen und Informationen wurden ausschließlich von Kenianern initiiert, gesammelt, geplant und durchgeführt. Es ist eine Form des sichtbaren Empowerments, dass es den dort lebenden Menschen gelingt, ohne Hilfe von außen etwas zu bewegen und Gehör zu finden. So ist es nicht nur die Darstellung des Protests, sondern vielmehr auch eine Präsentation der eigenen Würde, die sich die Sprüher und Demonstranten durch ihre Aktionen bewahren und eine bewusste Abkehr von externer Hilfestellungen in Form von westlicher Entwicklungspolitik.

"Well, a picture can express a thousand words to describe all the beauty of life you give."
- Grandmaster Flash and the Furious Five – Beat Street Breakdown (1984) -


Entwicklungspolitik ist kein Schach. Weiß beginnt, schwarz gewinnt trifft nicht auf die tagtäglich Arbeitsrealität der Entwicklungszusammenarbeit zu. Die Konzepte der westlichen Welt zur Bekämpfung von Krankheiten, Hunger, Korruption, Unterdrückung und Ungleichheit sind zahlreich – und doch selten zielführend. Denn während die deutsche Politik ihre Absichten und ihr Handeln in der Entwicklungszusammenarbeit vehement verteidigt, ist man sich in der Wissenschaft uneins, in welche Richtung sich eine fokussierte und erfolgreiche Entwicklungspolitik bewegen müsste.

GraffDetail1Lediglich in einem Punkt herrscht friedfertige Einstimmigkeit: Bildung muss ein zentraler – wenn nicht sogar der zentrale – Baustein der entwicklungspolitischen Bemühungen sein. Bildung bedeutet Verstehen und nur wer versteht, kann reflektiert seine eigene Lebenssituation betrachten und eine öffentliche Meinung äußern. Wenn man diese Überlegungen nun mit Graffiti verbindet, kommt man zu dem Schluss, dass Graffiti nichts anderes ist, als das Sichtbarmachen einer Meinung, sprich: Das Sichtbarmachen von Bildung. Man befreit sich aus einem soporesken Zustand der Unterdrückung und demonstriert der Politik, dass man exakt registriert, was im Land falsch läuft und aufgrund dessen nicht länger schweigen möchte. Dazu gehört neben einem hohen Grad an intrinsischer Motivation ein gewisses Grundmaß an Bildung, das von eben jenen Eliten durch exklusive Zugänge vielerorts unterschlagen wird.

Bildung gilt als ein universelles Menschenrecht, seine Verweigerung ist gleichzusetzen mit einem Entzug der Freiheit. Graffiti kann an dieser Stelle als Scharnier gelten und das fehlende Klassenzimmer nach außen an urbane Fläche tragen. Wer die Botschaften der Künstler liest und darüber nachdenkt, speist von der Bildung anderer und fängt an, sein eigenes Dasein zu reflektieren. Wichtig hierbei ist, dass diese Form der Bildung aus dem Land selbst kommt, die sich somit aus der lähmenden Passivität der Abhängigkeit von Entwicklungspolitik entkoppelt und die Bürger ihres Staates motiviert, selbst für die eigenen Rechte und Freiheiten aktiv zu werden. Einen Anlaufpunkt bieten hierfür die „Kibera Walls of Peace“ - legale Wände im Slum, an denen kenianische Kunststudenten Workshops mit Kindern durchführen und sie in die Technik des Sprühens einweisen. Bildung ist manchmal halt mehr als nur das kleine Einmaleins.


"Graffiti writers won't die, because these walls don't lie..."
- Promoe – These Walls Don't Lie (2004) -


b148x210Unlängst ist auch die mediale Unterhaltungs- und Informationsindustrie auf die künstlerischen Avantgardisten aufmerksam geworden. Die Dokumentation „Art War“, die seit Dezember in ausgewählten deutschen Lichtspielhäuser ausgestrahlt wird, ist das jüngste Produkt des gesteigerten Interesses an der Subkultur und ihren Visionen. Der Film beschreibt eindrucksvoll die Potentiale von Kunst als Waffe zu Revolution. Der deutsche Dokumentarfilmer Marco Wilms war während des arabischen Frühlings in Ägypten, um eigentlich eine Biographie über den prominenten Politologen Hamed Abdel-Samad zu drehen, den mancher eins aus dem deutschsprachigen Fernsehformat „Entweder Broder“ kennen mag. Doch vor Ort kam letztendlich alles ganz anders.

Arab-Spring-graffiti-Tunisia-11In einem Interview mit der „Kino-Zeit“ berichtet Wilms, dass zu der Zeit, als er in Ägypten ankam, eine künstlerische Protestwelle von Jugendlichen anfing, die sich gegen das autoritäre Regime stemmten, die in nicht mehr los ließ. Neben dicht befahrenen Hauptstraßen waren es nämlich auch entlegenste Winkel, in denen plötzlich politische Bilder erstrahlten, die in seinen Augen der Auslöser für die Massenproteste in Kairo waren. Dass dies gerade in dem Land geschah, das durch die Hieroglyphen in alten Pyramiden oftmals als synonym für moderne Höhlenmalerei und somit als Vorreiter der Graffitikultur, wie wir sie heute kennen, steht, ist wahrscheinlich nur ein pikanter Zufall – auch wenn sich gewissermaßen dadurch ein Kreis schließen mag. So zeichnete der Filmer ein Bild einer Subkultur, die zwar in vielen Punkten facettenreich erscheint, sich jedoch in ihrer grundlegenden Überzeugung einig ist: Dem unwiderstehlichen Drang nach Freiheit. Das Ergebnis ist ein 93-mintüger Film, der mit beeindruckenden Bildern, faszinierenden Menschen und einer unmissverständlichen Botschaft einem im Kino sowohl zu unterhalten weiß, als auch zum Nachdenken anregt.

Aber nicht nur in Ägypten und Kenia findet sich die gemalte Form der öffentlichen Demonstration wieder. Ob in der Türkei, der Ukraine, in Griechenland oder Indien – überall dort, wo soziale Ungleichheit erlebbar wird, an Plätzen, an denen Menschen ein anonymes Sprachrohr benötigen, um ihren Unmut kundzutun, an Orten, an denen der Einzelne für seine Anerkennung kämpfen muss, findet man Graffiti. Auch die junge Generation in Kenia steht bereits wieder in den Startlöchern für ihre nächste Aktion mit den bunten Sprühdosen. Spätestens wenn es wieder Freitagnacht wird in Nairobi. Klick Klack. Klick Klack.

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