Pablo Picasso: „Kunst wischt den Staub des Alltags von der Seele.“ / „Kunst ist eine Art Aufruhr.“
Kunst regt an, Kunst regt auf, Kunst ist ein Gespräch, eine Mitteilung. Sie reißt mich aus dem Alltag und bringt mich dazu, über Dinge nachzudenken, manchmal anders Kontexte zu sehen. Sie begeistert mich, wo ich die menschengeschichtlichen Entwicklungen begreife, wo sie mir einfach „gut tut“ durch ihre Schönheit, Klarheit, Direktheit, sie lässt mich lachen und schmunzeln – und hinter die Dinge und die Menschen schauen.
Kunst kann protestieren. Sie zeigt Missstände auf, Gewalt, Verbrechen, Krieg, sie verbildlicht abstrakte Themen, kann verdichtet viele Inhalte auf einem Tableau zusammenfassen. – Man denke nur an alte, traditionelle Gemälde von Kriegsschauplätzen, an politische Plakate, an Radierungen mit sozialen Inhalten ...
seminarnebe - 6. Mär, 08:44
Zunächst mal begegne ich der Kunst anderer grundsätzlich offen. Allerdings gehe ich sehr schnell mit konkreten Aspekten an sie heran: ist sie gut gemacht ? Kommt die Idee zum Tragen? Ist es neu, witzig, aussagestark? Ich wende mich ab von dem, was mich nicht packt, was ich innerlich schnell als beliebig oder langweilig bewerte. – Oft ziehe ich mein Wissen aus der Kunstgeschichte als Bewertungskriterium heran.
Ich gehe nicht davon aus, dass ich alle Kunst verstehen und gut finden muss. Verschiedene Kunststile sprechen verschiedene Sprachen, individuelle Aussagen bewegen mich unterschiedlich: ich wünsche mir, durch die gewählte künstlerische Sprache angeregt zu werden.
Kunst muss mich ansprechen, mich überraschen oder berühren. Dann macht es KLICK in mir, entweder intellektuell oder aber auch auf der emotionalen Ebene. Ich kann mich begeistern über witzige oder kritische Kunst oder ungewöhnliche Materialien oder Zusammenhänge, in den Kunst gestellt wird. Ich werde berührt durch die Kraft eines Kunstwerks – das hat auch immer etwas mit mir zu tun, ich „verstehe“ die Aussage auf einer tieferen Ebene. Dann versenke ich mich in Kunst, vergesse alles um mich rum und darf beim Gucken „spielen“ wie ein Kind und mich freuen.
seminarnebe - 6. Mär, 08:39

In welcher Form näherst du dich der Kunst? Was drückt sie für dich aus?
Ich bin ein „Augentier“, ein „Bildermensch“, jemand, der in kompletten Bildern denkt. Kunst ist für mich die Möglichkeit, mein Leben durch Anderes als Worte auszudrücken. Da, wo Sprache versagt, stehen die Bilder im Vordergrund. Hier kann ich auch Dinge, die nicht gleichzeitig passieren, auf einer Ebene zusammenfassen. Manchmal begreife ich die Dinge um mich, Leben als solches oder auch mich besser, wenn ich zeichne und male, experimentiere und zum Ausdruck bringe. Denn Farben, Linien, Formen, Kompositionen sind elementar ehrlich und lassen sich quasi „lesen“ – manchmal mehr oder anders, als es das Gegenüber als Person vermuten lässt; oder man überrascht sich selbst, wie ehrlich Strich und kreative Aussage zur eigenen Befindlichkeit sein können.
seminarnebe - 6. Mär, 08:37
Fragen an Eleni: Wie wirkungsvoll sind Pink Floyds politische Botschaften? Wo setzt das bei dir an, wenn du Musik hörst? Was macht das mit dir?
Ich denke, dass Pink Floyd eine bemerkenswerte Aussagekraft haben. Sie kritisierten/ kritisieren im Falle von Roger Waters immer noch, politische System und engagieren sich vehement gegen Krieg. Krieg ist falsch, das haben sie immer wieder propagiert und in ihrem Album The Wall kommt dies besonders zum Tragen. Darin arbeitet Roger Waters auf, was der Krieg (WW2) für eine Wirkung auf seine Familie hatte. Wenn ich Kommentare auf facebook lese, die auf Roger Waters, seine aktuelle The Wall Show etc. reagieren, merke ich, dass mindestens die Fans ehrlich berührt sind und sich Gedanken machen. Besonders interessant fand ich, dass man Roger Waters Antisemitismus vorgeworfen hat - was absolut erlogen und weit hergeholt ist. Er hat jedoch bravurös darauf reagiert (open letter) und seinen Gegnern den Wind aus den Segeln genommen. Toll fand ich, dass Roger Waters angesichts der Krise in Griechenland, die Ticketpreise für seine Show auf 18 Euro gesenkt hat (siehe Botschaft auf seiner Website). Musik ist auch dazu da, Menschen politisch zu erreichen. Ich finde, man sollte das nicht ausnutzen, aber auf Probleme aufmerksam zu machen ist völlig legitim. Wenn ich Pink Floyd höre, empfinde ich deren Emotionen durch ihre Musik und Texte absolut nach. Ich kann die Wut fühlen, die schmerzhafte Trauer und die kalte Resignation vor der bösen Welt da draußen. Mich ermutigt es, genauer auf meine Umwelt zu achten und darauf, was mit der Welt passiert. Vor allem die Botschaft, dass Krieg schlecht ist, hat sich bei mir eingebrannt. Ich fühle Solidarität zur Band, zu Waters, in ihrem Wunsch, die Welt etwas besser zu machen und gleichzeitig zu akzeptieren, dass sie irgendwo immer ein Stückchen schlecht sein wird.
seminarnebe - 6. Mär, 08:35
I think that musicians are privileged in that they have a platform from which to speak and that is a very powerful tool to affect change. As the saying goes 'with great power comes great responsibility', and I believe that in this day and age it is important to use that platform for positive change in the world.
Simplistically I believe that music with a positive message and feeling cannot help but have a positive impact. I think that Freshlyground has managed to build a global community of people who live for a more positive society. I think we have done this through our music and more specifically through the messages in our music, the most important of which is a message of love - for one's self and those around you.
Freshlyground is actively involved with the Desmond Tutu HIV Foundation, we contribute a percentage of our monthly earnings in order to pay the salaries of their HIV/AIDS Counsellors, as well as hosting fundraisers for the foundation. We have also contributed towards building a youth center for them in a township in Cape Town. South Africa is at the epicenter of the global HIV/AIDS pandemic, with a reported 6,4 million people infected, almost 10% of which are youth. This pandemic is having a radical trickle-down effect on the youth, decimating the education system with many children being forced to drop out of school to head households or take care of family members. In a country that is already struggling under the burden of the inequalities of the past, this has to be unacceptable - especially to those of us who have a voice and a platform to speak. With music and the power of the stage and live performance we have been given an opportunity to 'hijack' for a moment the minds and hearts of our audience and spread positive messages - that we hope they will leave our shows with and pass on to those around them - growing an army and a community to fight the inequalities in this world.
seminarnebe - 6. Mär, 08:35
“Who are we, who is each one of us, if not a combination of experiences, information, books we have read, things imagined? Each life is an encyclopedia, a library, an inventory of objects, a series of styles, and everything can be constantly shuffled and reordered in every way conceivable.”
― Italo Calvino
Was könnte uns Einblick in die Gedanken anderer geben? Kann alles zu einer Quelle unser Nachforschungen werden? Was sind die Ausschnitte, die – wie Calvino schreibt – unsere Enzyklopädie „Leben“ mit Inhalten füllen?
Anders herum könnte man auch fragen: gibt es etwas, das uns rein gar nichts über andere und ihre Gedanken verraten kann? Who are we, who is each one of us, if not a combination of experiences, information, books we have read, things imagined, schreibt Calvino. Anders formuliert: Wir sind, was wir und was andere (aus)denken. Aber: Wie kann das, was ich denke, Dich anrühren? Wie gehe ich den Schritt von meinem Kopf in Deinen Kopf?
Ich möchte hierzu ein Beispiel aus dem Bereich der Musik heranziehen:
Denken wir einmal daran, wie schnell es gehen kann, dass wir mit einem Klick auf den Einschaltknopf des Radios eine ganze Reihe von Assoziationen auslösen. Ein Lied trägt uns an Orte unserer Erinnerung oder unserer kühnsten Phantasie, Lieder motivieren uns, lassen uns inne halten, nachdenken oder den Kopf endlich einmal ausschalten. Das Medium Musik kommuniziert. Ob wir uns dessen bewusst werden oder nicht.
Wenn Herbert Grönemeyer den Verlust seiner Frau verarbeitet, dann fühlen sich andere davon berührt – vielleicht, weil sie sein Empfinden aufgrund persönlicher Erfahrungen nachvollziehen können oder weil sein Schicksalsschlag durch seine Musik begreifbar wird. Wenn David Hasselhoff „Looking for Freedom“ singt, dann wissen meine Eltern und ihre Freunde immer noch ganz genau, wie es sich damals, 1989, angefühlt hat und verbinden mit I've been looking for freedom I've been looking so long, I've been looking for freedom, Still the search goes on viel mehr als nur ein Lied.
Daraus lässt sich folgern: Wir geben Musik eine Bedeutung für uns und das immer wieder, für die verschiedensten Situationen - mal sind wir dabei allein, mal machen wir gemeinsam Erfahrungen, die von Liedern begleitet werden. Fakt ist, dass Musik ein Erlebnis werden kann.
Für gewöhnlich ernten wir im universitären Kontext skeptische Blicke, wenn wir uns der Analyse von Songtexten, Gedichten, Photos, Bildern – von Kunst – zuwenden. Zumindest dann, wenn wir dazu ansetzen, diese für politikwissenschaftliche Sinnsuche fruchtbar zu machen. Wenn wir jedoch allein von uns selbst ausgehen, vom Effekt der morgendlichen Radiomusik und den Berichten der Eltern von 1989, dann wissen wir: Musik, das sind Ausschnitte von Geschichten, Anreize für emotionale Reaktion und definitiv „sprechende“ Zeitzeugen von Entscheidungen und Entscheidungsgründen.
Dave Hickey äußerte sich in einem Interview zur politischen Dimension von Kunst folgendermaßen: „Wie viele Leute finden etwas schön; um wen handelt es sich dabei, und wie wirkt sich dies auf ihr Entscheidungsfindung aus? An diesem Punkt überschneiden sich Kunst und Politik“ („The Invisible Dragon“, MONOPOL, 2013, S. 22). Grönemeyer, Hasselhoff – wer auch immer singt, wer singt, der wird gehört und das was wir da hören, wird zu mehr als nur einer Melodie. Es wird zu etwas, dem wir eine Bedeutung beimessen, die eventuell handlungsleitend wird. Damit wird Kunst potentiell politisch. Damit wird Musik für uns - über ihre bloße Schönheit hinausgehend – im wissenschaftlichen Kontext interessant.
Politische Botschaften verpacken viele Bands. Pink Floyd inszeniert auch heute noch ihr Lied „The Wall“ und vermittelt metaphorische Schlagkeulen gegen Krieg, Bevormundung und Vorurteile (siehe hierzu auch das Interview mit Eleni Blum, S.18). In die andere Richtung gedacht finden wir nationalsozialistische Propaganda, die auf Schulhöfen in CD Form verteilt wird – denn: Musik, die geht so einfach ins Ohr, die geht so schnell in den Kopf. Wer mit Musik argumentiert, der muss oft gar nicht allzu explizit werden. Ein, zwei Bilder und ein, zwei Anspielungen reichen, um ein System zu kritisieren, einen Umstand anzuprangern oder eine Änderung herbeizurufen – im wahrsten Sinne. Darauf bauen Protestlieder auf, daraus entstanden Blues und Jazz oder auch erfolgreiche Rap und Hip Hop Künstler in den USA und weltweit.
Musik geht „andere Wege“, die Kommunikation von Wünschen, Ideen, Anregungen geschieht über Symbole, Melodien, ggf. Videos; und sie ist dabei immer auch ein Ansatz, Mitsprache zu generieren, Austausch zu vitalisieren und Kritik zugänglich zu machen. As musicians we have a platform. People listen to us. Especially young people and I think that does come with a certain sense of responsibility and it is important to promote a positive message (Youthvillage.co.ca, Interview, 2010). So formulierte es Kyla-Rose Smith, Mitglied der pan-afrikanischen Band Freshlyground.
In ihrem Lied „Chicken to Change“ richtete sich die Band 2012 an Zimbabwes politisches Oberhaupt Robert G. Mugabe und warf ihm vor: You promised always to open the doors for us. Indeed it is you and only you who sleeps with the key. You are chicken to change (Songtext Chicken to Change, Freshlyground, 2012).
Mit einem phantastischen Video, das sie zusammen mit dem Karikaturisten Zapiro konzipiert und gemeinsam mit dem Produzenten von ZA News, Thierry Cassuto, aufgenommen haben, verpackten Freshlyground ihre Kritik in vollblütige Rhythmen und drastische Bilder. Robert Mugabe, Nelson Mandela, Desmond Tutu (Domino spielend), Jacob Zuma (flirtend) und Thabo Mbeki – alle haben sie ihren Auftritt im Video zum Song. Die Band selber tritt auf, traditionell im Stil der 80er in Zimbabwe gekleidet, und tanzt wie Hühner, was ihre Kritik selbstironisch untermalt.
Hühner, die in Zimbabwe mit Armut assoziiert werden, werden Herrn Mugabe im Musikvideo zum Kauf angeboten, ihre Federn fliegen ihm in die Augen und er wischt diese ungeduldig bei Seite. Sein Parteisymbol, ein stolzer Hahn, wirkt neben dem aufgeplusterten, mageren Federvieh deplatziert und seltsam realitätsfern. Und genau darum geht es der Band. Einleitendes Lob des Präsidenten für sein Engagement 1980, als Zimbabwe unabhängig von Großbritannien wurde, wird gefolgt von Barszenen und Chauffeurszenen, die in starkem Kontrast mit den Szenen außerhalb der fröhlichen Trinkwelt und hinter der Scheibe des verdunkelten Wagens stehen. Kritik wird laut an Mugabes 30-jähriger Machtstellung: You promised always to open thedoors for us. Indeed it is you and only you who sleeps with the key. You are chicken to change. Was hier gefragt zu werden scheint ist: wozu Unabhängigkeit, wenn dies das Resultat ist? Was ist aus dem Versprechen geworden, I, Robert Gabriel Mugabe swear that I will be faithful and swear to allegiance to Zimbabwe – so help me God?
Die Antwort wird im Song formuliert: das einstige Versprechen scheint hinter abgedunkelten Scheiben weit, weit fort zu sein – Armut der Bevölkerung gehört nicht zu der Realität des Präsidenten des Landes. Vielmehr scheint es in seiner Politik um Macht und mehr Macht zu gehen – für ihn persönlich und die Elite „seines“ Landes.
Wie zu erwarten war, hat Herr Mugabe auf die Kritik wenig erfreut reagiert. Der Band ist bis auf Weiteres die Einreise in das Land verweigert worden; von Konzerten kann erstmal nicht die Rede sein. Ein Misserfolg ist der Song damit jedoch noch lange nicht. Das Lied ist frei zum Download verfügbar gemacht worden und wird in Zimbabwe hinter verschlossenen Türen gehört. Und nicht nur das: es wurde in Afrika, in den USA, in Europa – in der Welt – gehört und kommentiert. The Telegraph, The Guardian, The Independent publizierten alle kurz nach Erscheinen des Stücks kritische Artikel. Blogs und Zeitungen aus Afrika schrieben begeistert: Freshlyground finally seem to feel confident enough to branch into political protest music. Hooray! und ein Journalist interpretiert das Lied als ein noch drastischeres Statement: Video by World Cup group Freshlyground challenges Zimbabwe dictator to "become the hero he used to be" -- and step down.”
Über ihre Rolle als Protestsong-Schreiber ließ die Band verkünden: The reason we decided to do that song and video is that it is an issue that is close to home for us as one of our members is from Zimbabwe and so the issue does have meaning beyond just being a political issue. But also it is not a totally serious song and does also poke fun at Mugabe – I think it is also good to look at things with a certain sense of humour and not take oneself too seriously, especially as an artist (Youthvillage.co.ca, Interview, 2010). Die Sprecherin der Band gab außerdem das Statement ab: We believe in freedom of speech and that people should be able to talk about topics that affect many civilians.
Musik, als Etwas, das nicht vollkommen Ernst genommen will, vermittelt manchmal leichter, was andernfalls schnell zu ernst wird. Auf die eingangs gestellte Frage Wie kann das, was ich denke, Dich anrühren? antworten: Einfach mal hinhören, einfach mal mitdenken und Resonanzraum für und Echo von Gedanken anderer werden.
seminarnebe - 6. Mär, 08:29