Graffiti in Kenia - Zwischen Kunst und Protest
Von Stephen Weber
Klick Klack. Klick Klack. Schummriges Licht einer einsamen Straßenlaterne batikt einen Hinterhof in eine Komposition aus schwarzen und orangen Farben. Klick Klack. Klick Klack. Ein junger Mann blickt erst über seine linke Schulter, dann über die rechte, die Kapuze seines Sweaters tief in das Gesicht gezogen. Klick Klack. Klick Klack. In der einen Hand hält er eine Spraydose, die er immer wieder rhythmisch schüttelt. Nervös schaut er sich um. Sieht mich jemand? Klick Klack. Klick Klack. Gespenstisch still ist es, lediglich der Widerhall der geschüttelten Dose schallt durch die sternenklare Nacht. Klick Klack. Klick Klack.
Diese Szene spielte sich in einer Nacht von Freitag auf Samstag ab. Der junge Mann stammt aus Kibera, einem Slum in Nairobi, der Hauptstadt von Kenia. Er selbst nennt sich Swift9 und avancierte jüngst als Graffiti-Aktionskünstler zu einer lokalen Berühmtheit. Seinen richtigen Namen möchte er aus Angst vor staatlichen Repressionen lieber geheim halten – obwohl er mit seinen Videos inzwischen zu einem Renner auf YouTube geworden ist. Doch der Rummel um seine Person ist ihm eher unangenehm. Es genügt ihm, dass er wöchentlich bei illegalen Graffiti-Aktionen seine Freiheit riskiert, um künstlerisch politische Missstände im Land öffentlich anzuprangern. Es wäre deshalb nicht übertrieben, den jungen Mann als Avantgardisten bezeichnen, denn gemeinsam mit seinen Mitstreitern veränderte er die politische Protestkultur in einem Land, das in der Vergangenheit immer wieder durch Bad Governance in den Fokus der Weltöffentlichkeit geriet.
Doch was ist Bad Governance eigentlich? Die lancierten Unkenrufe, dass es sich dabei um eine Worthülse ohne analytischen Wert handele, schwirren seit geraumer Zeit durch die politikwissenschaftliche Fachliteratur. Sie besagen, dass der Begriff Bad Governance lediglich von westlichen Industrienationen und Nichtregierungsorganisationen bei Fehlentwicklungen und -leistungen eines Staates zum allgemeinen „Sündenbock“ erklärt werde, während eigenes Handeln und die damit vermeintlichen negativen Folgen weitgehend ausgeblendet blieben. Der Terminus ist demnach zu einem beliebten Mittel stilisiert worden, um eigene Schuld zu negieren und um wohl möglich weitere Fördermittel zu generieren, um etwaige Missstände zu korrigieren.
Abseits dieser Kritik eignet sich der Begriff dennoch gut, um endogene Ursachen für ausbleibende Entwicklung in afrikanischen Staaten en bloc zu skizzieren. Diese führen über fehlende Rechtsstaatlichkeit, mangelnde Transparenz im politischen Entscheidungsprozess, Korruption bis hin zur limitierten Partizipationsmöglichkeit der Bürger. Alle Faktoren zusammengenommen münden in einem gefühlten Zustand der Ohnmacht des Einzelnen gegenüber eines elitenbetriebenen Macht- und Verwaltungsapparates. Gefangen in territorialen Grenzen, stumm aus Angst vor Sanktionen. Sich Fügen scheint einfacher zu sein, als sich zu wehren.
„Historically speakin', 'cause people be dissin,
the first graffiti artists in the world were the Egyptians.
Writing on the walls, mixing characters with letters,
to tell the graphic story about their life, however!“
- KRS-One - Out For Fame (1995) -
Allerdings belegen immer wieder Zivilgesellschaften einzelner Staaten, dass sie freilich nicht gewillt sind, sich entmündigen zu lassen - so auch in Kenia. Die junge Generation in der Hauptstadt Nairobi möchte nämlich sehr wohl gehört werden und schlägt dabei alternative Pfade ein. Bewaffnet mit Sprühfarbe und Schablone überfallen sie graue Wände, um ihre Botschaften an den Mann zu bringen. Sie möchten zum Nachdenken anregen, revolutionäre Gedankenanstöße setzen, Aufmerksamkeit generieren. Sie wollen den Mitbürgern auf der Straße mitteilen: „Ihr seid nicht allein mit eurer Unzufriedenheit. Seid nicht ohnmächtig. Wehrt euch! Sagt was!“ Als Vorbild dient ihnen dafür der arabische Frühling, der in Tunesien und Ägypten seinen Anfang fand und dessen Grundstein subversive Graffitis in belebten Straßen waren.
Auf eine ähnliche Entwicklungen und gesellschaftliche Reaktionen hoffen nun Swift9 und seine Künstlerkollegen, die getreu dem Bottom-Up-Prinzip versuchen, auf kreativ-rebellische Art und Weise das Volk von unten herauf wachzurütteln und ein grundsätzliches Umdenken anzufachen. Dabei bedienen sich die Maler gezielt der Nutzung neuer Informationstechnologien wie dem Internet. So erlangen sie nicht nur beim Beobachter auf der Straße Aufmerksamkeit, sondern auch bei den Menschen in der Nachbarstadt, an den Landesgrenzen und gar über diese hinaus. Aufmerksamkeit ist die Währung der Künstler, der anschließende reflektierte Diskurs über die dargebotenen Inhalte ihr Ziel.
Die Themen für die Inhalte ihrer Bilder liefert ihnen ihre Regierung. Auf dem Demokratieindex des Economist findet sich Kenia auf Position 104 zwischen den Palästinensischen Autonomiegebieten und Sierra Leone im hinteren Drittel des Rankings wieder. Den alten Eliten im ostafrikanischen Staat fehlt der Reformwille aus Angst vor dem Einbüßen von Macht und der damit verbundenen Verfügung über die Rohstoffe des Landes. Des Weiteren plagt sich Kenia seit Jahrzehnten mit lähmender Korruption und 'land grabbing'. Denn während sich das regierende Establishment an der Staatskasse bereichert, verarmt die eigene Bevölkerung. Bereits 2007 flammte aus diesen Gründen ein Feuer des Protests in Kenia auf. Auslöser waren die vermeintlich freien Präsidentschaftswahlen, deren offensichtlich gefälschtes Wahlergebnis heftige politische Unruhen innerhalb der Landesgrenzen auslöste. Es kam zur ethnischen Vertreibung von über 600.000 Menschen und einer Vielzahl an Todesfällen. In dieser Zeit und auch im Anschluss fand eine drastische Zensur und Einschränkung der Pressefreiheit statt. Redaktionsdurchsuchungen bei kritischen Blättern gehören seitdem zum traurigen Alltag in der Hauptstadt. Generell ist Kenia ein kulturell sehr heterogenes Land, in dem viele Interessen gegeneinander agieren und eine einheitliche Politik im Sinne der Gesamtbevölkerung äußerst schwierig erscheint.
"Don't hate the player, hate the game!"
- Looptroop - Don't Hate the Player (2004) -
Wenn man auf demokratischen Wege über Zeitungen und das Fernsehen nicht frei von staatlicher Unterdrückung seine Meinung äußern darf, suchen sich die Menschen neue Methoden und Wege, um durch Ästhetik den Aufstand, der in jedem unterdrückten Geist schwillt, wieder zu erwecken. Weitermachen. Niemals stillstehen. Das sind die Botschaften der Graffiti-Aktivisten. Ihr berühmtestes Bild schaffte es dabei zu überregionaler Bekanntheit und wurde im Rahmen vieler Nachrichtensendungen weltweit rezipiert. An einem zentralen Knotenverkehrspunkt Nairobis, der Muindi Mbingu Street nahe des Marktes, entstand in einer nächtlichen Aktion ein symbolträchtiges Wandbild, das von Boniface Mbwangi, einem prominenten Fotojournalisten, und Swift9 initiiert wurde.
Zu sehen ist neben dem Jahr der kenianischen Unabhängigkeit 1963 ein überdimensionaler Aasgeier, der einen korrupten Politiker symbolisieren soll. Unter seinem rechten Fuß lugt ein Frauenkopf hervor, der für die Unterdrückung des weiblichen Geschlechts im Lande steht. An der rechten Hand befindet sich ein angeketteter Koffer voller Geld, sinnbildlich für den gierigen Staatsbeamten, dem der Dollar näher ist als das eigene Volk. Über dem Kopf des Tieres schwebt eine Gedankenblase mit den Worten: „Ich bin ein Stammesführer. Meine Untergebenen plündern, vergewaltigen, brennen nieder und töten für mich. Ich klau ihnen ihre Steuern und ihr Land, und die Idioten wählen mich trotzdem wieder.“ Daneben prangert eine Liste, die alle Kalamitäten aufzählt, mit denen Kenia zu kämpfen hat: Land Grabbing, kulturelle Differenzen, Wahlbetrug, Korruption, uvm.. Auf der einen Seite subtil, auf der anderen Seite direkt überbringen die Sprüher ihre Botschaften, gepaart mit einem hohen künstlerischen Anspruch. Ein gefährliches Unterfangen: In Afrika wird – wie in vielen Entwicklungsländern – Kritik als Illoyalität verstanden und kann strafrechtlich geahndet werden.
Ein weniger prominentes, aber nicht minder aussagekräftiges Bild befand sich an einem ähnlich belebten Platz in zentraler Lage. Es entstand kurz vor der Präsidentschaftswahl 2012 und schwimmt im Kielwasser der politischen Unruhen von 2007, als es nach Wahlfälschungen zu tödlichen Protesten im Land kam. Der altbekannte Aasgeier hält diesmal eine Wahlurne um sein Handgelenk gekettet. Um die Urne flattern Dollarnoten, was die Käuflichkeit des elektoralen Prozesses unterstreichen soll. Doch anders als im vorherigen Bild thront der Geier nicht über dem Volk, sondern wird von einem resoluten Wähler mit einer Schlinge festgehalten. Im Hintergrund brennt ein Dorf, bewaffnete Zivilisten lauern am Rand. Diese Aufforderung zum Kampf und zum Widerstand gegen die herrschende Klasse soll ein Signal an alle Mitbürger sein, sich nicht der Willkür des autoritären Regimes hinzugeben. Es ist ein Hilferuf nach Recht und Ordnung, nach Rechtsstaatlichkeit und Freiheit. In einer Sprechblase über dem Wähler steht: „Die Macht muss zurück zum Volk. Ich bin der Wechsel. Ich möchte meine Stimme sehen, meine Wahl und unsere Zukunft.“ Daneben verewigten die Künstler: „Die neue kenianische Justiz ist unser Schutz und Verteidiger“. Es ist ein Aufruf zur Gegenwehr, ein offener Brief voller Hoffnungen, eine Warnung an den Regierungspalast,
Ein immer wiederkehrendes Motiv stellen bei den Bildern in Nairobi die Aasgeier dar. Ihnen widmete Mbowagi sogar eine eigene Homepage: http://mavulture.com (übersetzt: Viele Aasgeier). Auf ihr publiziert der Fotojournalist Impressionen seiner Aktionen gegen die Regierung. Der politische Provokateur, der 2008 und 2010 vom CNN mit dem Mohamed-Amin-Fotopreis ausgezeichnet wurde, stellt auf der Internetpräsenz korrupte Politiker bloß, veröffentlicht ihre politischen Profile und Missetaten, dokumentiert seine Protestaktionen im ganzen Land und publiziert informative Videos rund um Kenias Politik. Bei all dem schwingt stets eine gehörige Portion Stolz mit, denn alle seine Aktionen und Informationen wurden ausschließlich von Kenianern initiiert, gesammelt, geplant und durchgeführt. Es ist eine Form des sichtbaren Empowerments, dass es den dort lebenden Menschen gelingt, ohne Hilfe von außen etwas zu bewegen und Gehör zu finden. So ist es nicht nur die Darstellung des Protests, sondern vielmehr auch eine Präsentation der eigenen Würde, die sich die Sprüher und Demonstranten durch ihre Aktionen bewahren und eine bewusste Abkehr von externer Hilfestellungen in Form von westlicher Entwicklungspolitik.
"Well, a picture can express a thousand words to describe all the beauty of life you give."
- Grandmaster Flash and the Furious Five – Beat Street Breakdown (1984) -
Entwicklungspolitik ist kein Schach. Weiß beginnt, schwarz gewinnt trifft nicht auf die tagtäglich Arbeitsrealität der Entwicklungszusammenarbeit zu. Die Konzepte der westlichen Welt zur Bekämpfung von Krankheiten, Hunger, Korruption, Unterdrückung und Ungleichheit sind zahlreich – und doch selten zielführend. Denn während die deutsche Politik ihre Absichten und ihr Handeln in der Entwicklungszusammenarbeit vehement verteidigt, ist man sich in der Wissenschaft uneins, in welche Richtung sich eine fokussierte und erfolgreiche Entwicklungspolitik bewegen müsste.
Lediglich in einem Punkt herrscht friedfertige Einstimmigkeit: Bildung muss ein zentraler – wenn nicht sogar der zentrale – Baustein der entwicklungspolitischen Bemühungen sein. Bildung bedeutet Verstehen und nur wer versteht, kann reflektiert seine eigene Lebenssituation betrachten und eine öffentliche Meinung äußern. Wenn man diese Überlegungen nun mit Graffiti verbindet, kommt man zu dem Schluss, dass Graffiti nichts anderes ist, als das Sichtbarmachen einer Meinung, sprich: Das Sichtbarmachen von Bildung. Man befreit sich aus einem soporesken Zustand der Unterdrückung und demonstriert der Politik, dass man exakt registriert, was im Land falsch läuft und aufgrund dessen nicht länger schweigen möchte. Dazu gehört neben einem hohen Grad an intrinsischer Motivation ein gewisses Grundmaß an Bildung, das von eben jenen Eliten durch exklusive Zugänge vielerorts unterschlagen wird.
Bildung gilt als ein universelles Menschenrecht, seine Verweigerung ist gleichzusetzen mit einem Entzug der Freiheit. Graffiti kann an dieser Stelle als Scharnier gelten und das fehlende Klassenzimmer nach außen an urbane Fläche tragen. Wer die Botschaften der Künstler liest und darüber nachdenkt, speist von der Bildung anderer und fängt an, sein eigenes Dasein zu reflektieren. Wichtig hierbei ist, dass diese Form der Bildung aus dem Land selbst kommt, die sich somit aus der lähmenden Passivität der Abhängigkeit von Entwicklungspolitik entkoppelt und die Bürger ihres Staates motiviert, selbst für die eigenen Rechte und Freiheiten aktiv zu werden. Einen Anlaufpunkt bieten hierfür die „Kibera Walls of Peace“ - legale Wände im Slum, an denen kenianische Kunststudenten Workshops mit Kindern durchführen und sie in die Technik des Sprühens einweisen. Bildung ist manchmal halt mehr als nur das kleine Einmaleins.
"Graffiti writers won't die, because these walls don't lie..."
- Promoe – These Walls Don't Lie (2004) -
Unlängst ist auch die mediale Unterhaltungs- und Informationsindustrie auf die künstlerischen Avantgardisten aufmerksam geworden. Die Dokumentation „Art War“, die seit Dezember in ausgewählten deutschen Lichtspielhäuser ausgestrahlt wird, ist das jüngste Produkt des gesteigerten Interesses an der Subkultur und ihren Visionen. Der Film beschreibt eindrucksvoll die Potentiale von Kunst als Waffe zu Revolution. Der deutsche Dokumentarfilmer Marco Wilms war während des arabischen Frühlings in Ägypten, um eigentlich eine Biographie über den prominenten Politologen Hamed Abdel-Samad zu drehen, den mancher eins aus dem deutschsprachigen Fernsehformat „Entweder Broder“ kennen mag. Doch vor Ort kam letztendlich alles ganz anders.
In einem Interview mit der „Kino-Zeit“ berichtet Wilms, dass zu der Zeit, als er in Ägypten ankam, eine künstlerische Protestwelle von Jugendlichen anfing, die sich gegen das autoritäre Regime stemmten, die in nicht mehr los ließ. Neben dicht befahrenen Hauptstraßen waren es nämlich auch entlegenste Winkel, in denen plötzlich politische Bilder erstrahlten, die in seinen Augen der Auslöser für die Massenproteste in Kairo waren. Dass dies gerade in dem Land geschah, das durch die Hieroglyphen in alten Pyramiden oftmals als synonym für moderne Höhlenmalerei und somit als Vorreiter der Graffitikultur, wie wir sie heute kennen, steht, ist wahrscheinlich nur ein pikanter Zufall – auch wenn sich gewissermaßen dadurch ein Kreis schließen mag. So zeichnete der Filmer ein Bild einer Subkultur, die zwar in vielen Punkten facettenreich erscheint, sich jedoch in ihrer grundlegenden Überzeugung einig ist: Dem unwiderstehlichen Drang nach Freiheit. Das Ergebnis ist ein 93-mintüger Film, der mit beeindruckenden Bildern, faszinierenden Menschen und einer unmissverständlichen Botschaft einem im Kino sowohl zu unterhalten weiß, als auch zum Nachdenken anregt.
Aber nicht nur in Ägypten und Kenia findet sich die gemalte Form der öffentlichen Demonstration wieder. Ob in der Türkei, der Ukraine, in Griechenland oder Indien – überall dort, wo soziale Ungleichheit erlebbar wird, an Plätzen, an denen Menschen ein anonymes Sprachrohr benötigen, um ihren Unmut kundzutun, an Orten, an denen der Einzelne für seine Anerkennung kämpfen muss, findet man Graffiti. Auch die junge Generation in Kenia steht bereits wieder in den Startlöchern für ihre nächste Aktion mit den bunten Sprühdosen. Spätestens wenn es wieder Freitagnacht wird in Nairobi. Klick Klack. Klick Klack.
Klick Klack. Klick Klack. Schummriges Licht einer einsamen Straßenlaterne batikt einen Hinterhof in eine Komposition aus schwarzen und orangen Farben. Klick Klack. Klick Klack. Ein junger Mann blickt erst über seine linke Schulter, dann über die rechte, die Kapuze seines Sweaters tief in das Gesicht gezogen. Klick Klack. Klick Klack. In der einen Hand hält er eine Spraydose, die er immer wieder rhythmisch schüttelt. Nervös schaut er sich um. Sieht mich jemand? Klick Klack. Klick Klack. Gespenstisch still ist es, lediglich der Widerhall der geschüttelten Dose schallt durch die sternenklare Nacht. Klick Klack. Klick Klack.
Diese Szene spielte sich in einer Nacht von Freitag auf Samstag ab. Der junge Mann stammt aus Kibera, einem Slum in Nairobi, der Hauptstadt von Kenia. Er selbst nennt sich Swift9 und avancierte jüngst als Graffiti-Aktionskünstler zu einer lokalen Berühmtheit. Seinen richtigen Namen möchte er aus Angst vor staatlichen Repressionen lieber geheim halten – obwohl er mit seinen Videos inzwischen zu einem Renner auf YouTube geworden ist. Doch der Rummel um seine Person ist ihm eher unangenehm. Es genügt ihm, dass er wöchentlich bei illegalen Graffiti-Aktionen seine Freiheit riskiert, um künstlerisch politische Missstände im Land öffentlich anzuprangern. Es wäre deshalb nicht übertrieben, den jungen Mann als Avantgardisten bezeichnen, denn gemeinsam mit seinen Mitstreitern veränderte er die politische Protestkultur in einem Land, das in der Vergangenheit immer wieder durch Bad Governance in den Fokus der Weltöffentlichkeit geriet.Doch was ist Bad Governance eigentlich? Die lancierten Unkenrufe, dass es sich dabei um eine Worthülse ohne analytischen Wert handele, schwirren seit geraumer Zeit durch die politikwissenschaftliche Fachliteratur. Sie besagen, dass der Begriff Bad Governance lediglich von westlichen Industrienationen und Nichtregierungsorganisationen bei Fehlentwicklungen und -leistungen eines Staates zum allgemeinen „Sündenbock“ erklärt werde, während eigenes Handeln und die damit vermeintlichen negativen Folgen weitgehend ausgeblendet blieben. Der Terminus ist demnach zu einem beliebten Mittel stilisiert worden, um eigene Schuld zu negieren und um wohl möglich weitere Fördermittel zu generieren, um etwaige Missstände zu korrigieren.
Abseits dieser Kritik eignet sich der Begriff dennoch gut, um endogene Ursachen für ausbleibende Entwicklung in afrikanischen Staaten en bloc zu skizzieren. Diese führen über fehlende Rechtsstaatlichkeit, mangelnde Transparenz im politischen Entscheidungsprozess, Korruption bis hin zur limitierten Partizipationsmöglichkeit der Bürger. Alle Faktoren zusammengenommen münden in einem gefühlten Zustand der Ohnmacht des Einzelnen gegenüber eines elitenbetriebenen Macht- und Verwaltungsapparates. Gefangen in territorialen Grenzen, stumm aus Angst vor Sanktionen. Sich Fügen scheint einfacher zu sein, als sich zu wehren.„Historically speakin', 'cause people be dissin,
the first graffiti artists in the world were the Egyptians.
Writing on the walls, mixing characters with letters,
to tell the graphic story about their life, however!“
- KRS-One - Out For Fame (1995) -
Allerdings belegen immer wieder Zivilgesellschaften einzelner Staaten, dass sie freilich nicht gewillt sind, sich entmündigen zu lassen - so auch in Kenia. Die junge Generation in der Hauptstadt Nairobi möchte nämlich sehr wohl gehört werden und schlägt dabei alternative Pfade ein. Bewaffnet mit Sprühfarbe und Schablone überfallen sie graue Wände, um ihre Botschaften an den Mann zu bringen. Sie möchten zum Nachdenken anregen, revolutionäre Gedankenanstöße setzen, Aufmerksamkeit generieren. Sie wollen den Mitbürgern auf der Straße mitteilen: „Ihr seid nicht allein mit eurer Unzufriedenheit. Seid nicht ohnmächtig. Wehrt euch! Sagt was!“ Als Vorbild dient ihnen dafür der arabische Frühling, der in Tunesien und Ägypten seinen Anfang fand und dessen Grundstein subversive Graffitis in belebten Straßen waren.Auf eine ähnliche Entwicklungen und gesellschaftliche Reaktionen hoffen nun Swift9 und seine Künstlerkollegen, die getreu dem Bottom-Up-Prinzip versuchen, auf kreativ-rebellische Art und Weise das Volk von unten herauf wachzurütteln und ein grundsätzliches Umdenken anzufachen. Dabei bedienen sich die Maler gezielt der Nutzung neuer Informationstechnologien wie dem Internet. So erlangen sie nicht nur beim Beobachter auf der Straße Aufmerksamkeit, sondern auch bei den Menschen in der Nachbarstadt, an den Landesgrenzen und gar über diese hinaus. Aufmerksamkeit ist die Währung der Künstler, der anschließende reflektierte Diskurs über die dargebotenen Inhalte ihr Ziel.
Die Themen für die Inhalte ihrer Bilder liefert ihnen ihre Regierung. Auf dem Demokratieindex des Economist findet sich Kenia auf Position 104 zwischen den Palästinensischen Autonomiegebieten und Sierra Leone im hinteren Drittel des Rankings wieder. Den alten Eliten im ostafrikanischen Staat fehlt der Reformwille aus Angst vor dem Einbüßen von Macht und der damit verbundenen Verfügung über die Rohstoffe des Landes. Des Weiteren plagt sich Kenia seit Jahrzehnten mit lähmender Korruption und 'land grabbing'. Denn während sich das regierende Establishment an der Staatskasse bereichert, verarmt die eigene Bevölkerung. Bereits 2007 flammte aus diesen Gründen ein Feuer des Protests in Kenia auf. Auslöser waren die vermeintlich freien Präsidentschaftswahlen, deren offensichtlich gefälschtes Wahlergebnis heftige politische Unruhen innerhalb der Landesgrenzen auslöste. Es kam zur ethnischen Vertreibung von über 600.000 Menschen und einer Vielzahl an Todesfällen. In dieser Zeit und auch im Anschluss fand eine drastische Zensur und Einschränkung der Pressefreiheit statt. Redaktionsdurchsuchungen bei kritischen Blättern gehören seitdem zum traurigen Alltag in der Hauptstadt. Generell ist Kenia ein kulturell sehr heterogenes Land, in dem viele Interessen gegeneinander agieren und eine einheitliche Politik im Sinne der Gesamtbevölkerung äußerst schwierig erscheint."Don't hate the player, hate the game!"
- Looptroop - Don't Hate the Player (2004) -
Wenn man auf demokratischen Wege über Zeitungen und das Fernsehen nicht frei von staatlicher Unterdrückung seine Meinung äußern darf, suchen sich die Menschen neue Methoden und Wege, um durch Ästhetik den Aufstand, der in jedem unterdrückten Geist schwillt, wieder zu erwecken. Weitermachen. Niemals stillstehen. Das sind die Botschaften der Graffiti-Aktivisten. Ihr berühmtestes Bild schaffte es dabei zu überregionaler Bekanntheit und wurde im Rahmen vieler Nachrichtensendungen weltweit rezipiert. An einem zentralen Knotenverkehrspunkt Nairobis, der Muindi Mbingu Street nahe des Marktes, entstand in einer nächtlichen Aktion ein symbolträchtiges Wandbild, das von Boniface Mbwangi, einem prominenten Fotojournalisten, und Swift9 initiiert wurde.
Zu sehen ist neben dem Jahr der kenianischen Unabhängigkeit 1963 ein überdimensionaler Aasgeier, der einen korrupten Politiker symbolisieren soll. Unter seinem rechten Fuß lugt ein Frauenkopf hervor, der für die Unterdrückung des weiblichen Geschlechts im Lande steht. An der rechten Hand befindet sich ein angeketteter Koffer voller Geld, sinnbildlich für den gierigen Staatsbeamten, dem der Dollar näher ist als das eigene Volk. Über dem Kopf des Tieres schwebt eine Gedankenblase mit den Worten: „Ich bin ein Stammesführer. Meine Untergebenen plündern, vergewaltigen, brennen nieder und töten für mich. Ich klau ihnen ihre Steuern und ihr Land, und die Idioten wählen mich trotzdem wieder.“ Daneben prangert eine Liste, die alle Kalamitäten aufzählt, mit denen Kenia zu kämpfen hat: Land Grabbing, kulturelle Differenzen, Wahlbetrug, Korruption, uvm.. Auf der einen Seite subtil, auf der anderen Seite direkt überbringen die Sprüher ihre Botschaften, gepaart mit einem hohen künstlerischen Anspruch. Ein gefährliches Unterfangen: In Afrika wird – wie in vielen Entwicklungsländern – Kritik als Illoyalität verstanden und kann strafrechtlich geahndet werden.
Ein weniger prominentes, aber nicht minder aussagekräftiges Bild befand sich an einem ähnlich belebten Platz in zentraler Lage. Es entstand kurz vor der Präsidentschaftswahl 2012 und schwimmt im Kielwasser der politischen Unruhen von 2007, als es nach Wahlfälschungen zu tödlichen Protesten im Land kam. Der altbekannte Aasgeier hält diesmal eine Wahlurne um sein Handgelenk gekettet. Um die Urne flattern Dollarnoten, was die Käuflichkeit des elektoralen Prozesses unterstreichen soll. Doch anders als im vorherigen Bild thront der Geier nicht über dem Volk, sondern wird von einem resoluten Wähler mit einer Schlinge festgehalten. Im Hintergrund brennt ein Dorf, bewaffnete Zivilisten lauern am Rand. Diese Aufforderung zum Kampf und zum Widerstand gegen die herrschende Klasse soll ein Signal an alle Mitbürger sein, sich nicht der Willkür des autoritären Regimes hinzugeben. Es ist ein Hilferuf nach Recht und Ordnung, nach Rechtsstaatlichkeit und Freiheit. In einer Sprechblase über dem Wähler steht: „Die Macht muss zurück zum Volk. Ich bin der Wechsel. Ich möchte meine Stimme sehen, meine Wahl und unsere Zukunft.“ Daneben verewigten die Künstler: „Die neue kenianische Justiz ist unser Schutz und Verteidiger“. Es ist ein Aufruf zur Gegenwehr, ein offener Brief voller Hoffnungen, eine Warnung an den Regierungspalast, Ein immer wiederkehrendes Motiv stellen bei den Bildern in Nairobi die Aasgeier dar. Ihnen widmete Mbowagi sogar eine eigene Homepage: http://mavulture.com (übersetzt: Viele Aasgeier). Auf ihr publiziert der Fotojournalist Impressionen seiner Aktionen gegen die Regierung. Der politische Provokateur, der 2008 und 2010 vom CNN mit dem Mohamed-Amin-Fotopreis ausgezeichnet wurde, stellt auf der Internetpräsenz korrupte Politiker bloß, veröffentlicht ihre politischen Profile und Missetaten, dokumentiert seine Protestaktionen im ganzen Land und publiziert informative Videos rund um Kenias Politik. Bei all dem schwingt stets eine gehörige Portion Stolz mit, denn alle seine Aktionen und Informationen wurden ausschließlich von Kenianern initiiert, gesammelt, geplant und durchgeführt. Es ist eine Form des sichtbaren Empowerments, dass es den dort lebenden Menschen gelingt, ohne Hilfe von außen etwas zu bewegen und Gehör zu finden. So ist es nicht nur die Darstellung des Protests, sondern vielmehr auch eine Präsentation der eigenen Würde, die sich die Sprüher und Demonstranten durch ihre Aktionen bewahren und eine bewusste Abkehr von externer Hilfestellungen in Form von westlicher Entwicklungspolitik.
"Well, a picture can express a thousand words to describe all the beauty of life you give."
- Grandmaster Flash and the Furious Five – Beat Street Breakdown (1984) -
Entwicklungspolitik ist kein Schach. Weiß beginnt, schwarz gewinnt trifft nicht auf die tagtäglich Arbeitsrealität der Entwicklungszusammenarbeit zu. Die Konzepte der westlichen Welt zur Bekämpfung von Krankheiten, Hunger, Korruption, Unterdrückung und Ungleichheit sind zahlreich – und doch selten zielführend. Denn während die deutsche Politik ihre Absichten und ihr Handeln in der Entwicklungszusammenarbeit vehement verteidigt, ist man sich in der Wissenschaft uneins, in welche Richtung sich eine fokussierte und erfolgreiche Entwicklungspolitik bewegen müsste.
Lediglich in einem Punkt herrscht friedfertige Einstimmigkeit: Bildung muss ein zentraler – wenn nicht sogar der zentrale – Baustein der entwicklungspolitischen Bemühungen sein. Bildung bedeutet Verstehen und nur wer versteht, kann reflektiert seine eigene Lebenssituation betrachten und eine öffentliche Meinung äußern. Wenn man diese Überlegungen nun mit Graffiti verbindet, kommt man zu dem Schluss, dass Graffiti nichts anderes ist, als das Sichtbarmachen einer Meinung, sprich: Das Sichtbarmachen von Bildung. Man befreit sich aus einem soporesken Zustand der Unterdrückung und demonstriert der Politik, dass man exakt registriert, was im Land falsch läuft und aufgrund dessen nicht länger schweigen möchte. Dazu gehört neben einem hohen Grad an intrinsischer Motivation ein gewisses Grundmaß an Bildung, das von eben jenen Eliten durch exklusive Zugänge vielerorts unterschlagen wird.Bildung gilt als ein universelles Menschenrecht, seine Verweigerung ist gleichzusetzen mit einem Entzug der Freiheit. Graffiti kann an dieser Stelle als Scharnier gelten und das fehlende Klassenzimmer nach außen an urbane Fläche tragen. Wer die Botschaften der Künstler liest und darüber nachdenkt, speist von der Bildung anderer und fängt an, sein eigenes Dasein zu reflektieren. Wichtig hierbei ist, dass diese Form der Bildung aus dem Land selbst kommt, die sich somit aus der lähmenden Passivität der Abhängigkeit von Entwicklungspolitik entkoppelt und die Bürger ihres Staates motiviert, selbst für die eigenen Rechte und Freiheiten aktiv zu werden. Einen Anlaufpunkt bieten hierfür die „Kibera Walls of Peace“ - legale Wände im Slum, an denen kenianische Kunststudenten Workshops mit Kindern durchführen und sie in die Technik des Sprühens einweisen. Bildung ist manchmal halt mehr als nur das kleine Einmaleins.
"Graffiti writers won't die, because these walls don't lie..."
- Promoe – These Walls Don't Lie (2004) -
Unlängst ist auch die mediale Unterhaltungs- und Informationsindustrie auf die künstlerischen Avantgardisten aufmerksam geworden. Die Dokumentation „Art War“, die seit Dezember in ausgewählten deutschen Lichtspielhäuser ausgestrahlt wird, ist das jüngste Produkt des gesteigerten Interesses an der Subkultur und ihren Visionen. Der Film beschreibt eindrucksvoll die Potentiale von Kunst als Waffe zu Revolution. Der deutsche Dokumentarfilmer Marco Wilms war während des arabischen Frühlings in Ägypten, um eigentlich eine Biographie über den prominenten Politologen Hamed Abdel-Samad zu drehen, den mancher eins aus dem deutschsprachigen Fernsehformat „Entweder Broder“ kennen mag. Doch vor Ort kam letztendlich alles ganz anders.
In einem Interview mit der „Kino-Zeit“ berichtet Wilms, dass zu der Zeit, als er in Ägypten ankam, eine künstlerische Protestwelle von Jugendlichen anfing, die sich gegen das autoritäre Regime stemmten, die in nicht mehr los ließ. Neben dicht befahrenen Hauptstraßen waren es nämlich auch entlegenste Winkel, in denen plötzlich politische Bilder erstrahlten, die in seinen Augen der Auslöser für die Massenproteste in Kairo waren. Dass dies gerade in dem Land geschah, das durch die Hieroglyphen in alten Pyramiden oftmals als synonym für moderne Höhlenmalerei und somit als Vorreiter der Graffitikultur, wie wir sie heute kennen, steht, ist wahrscheinlich nur ein pikanter Zufall – auch wenn sich gewissermaßen dadurch ein Kreis schließen mag. So zeichnete der Filmer ein Bild einer Subkultur, die zwar in vielen Punkten facettenreich erscheint, sich jedoch in ihrer grundlegenden Überzeugung einig ist: Dem unwiderstehlichen Drang nach Freiheit. Das Ergebnis ist ein 93-mintüger Film, der mit beeindruckenden Bildern, faszinierenden Menschen und einer unmissverständlichen Botschaft einem im Kino sowohl zu unterhalten weiß, als auch zum Nachdenken anregt.Aber nicht nur in Ägypten und Kenia findet sich die gemalte Form der öffentlichen Demonstration wieder. Ob in der Türkei, der Ukraine, in Griechenland oder Indien – überall dort, wo soziale Ungleichheit erlebbar wird, an Plätzen, an denen Menschen ein anonymes Sprachrohr benötigen, um ihren Unmut kundzutun, an Orten, an denen der Einzelne für seine Anerkennung kämpfen muss, findet man Graffiti. Auch die junge Generation in Kenia steht bereits wieder in den Startlöchern für ihre nächste Aktion mit den bunten Sprühdosen. Spätestens wenn es wieder Freitagnacht wird in Nairobi. Klick Klack. Klick Klack.
seminarnebe - 5. Mär, 15:16