Donnerstag, 6. März 2014

Schallraum & Echo von Gedankenwelten

“Who are we, who is each one of us, if not a combination of experiences, information, books we have read, things imagined? Each life is an encyclopedia, a library, an inventory of objects, a series of styles, and everything can be constantly shuffled and reordered in every way conceivable.”
― Italo Calvino

Was könnte uns Einblick in die Gedanken anderer geben? Kann alles zu einer Quelle unser Nachforschungen werden? Was sind die Ausschnitte, die – wie Calvino schreibt – unsere Enzyklopädie „Leben“ mit Inhalten füllen?
Anders herum könnte man auch fragen: gibt es etwas, das uns rein gar nichts über andere und ihre Gedanken verraten kann? Who are we, who is each one of us, if not a combination of experiences, information, books we have read, things imagined, schreibt Calvino. Anders formuliert: Wir sind, was wir und was andere (aus)denken. Aber: Wie kann das, was ich denke, Dich anrühren? Wie gehe ich den Schritt von meinem Kopf in Deinen Kopf?

Ich möchte hierzu ein Beispiel aus dem Bereich der Musik heranziehen:
Denken wir einmal daran, wie schnell es gehen kann, dass wir mit einem Klick auf den Einschaltknopf des Radios eine ganze Reihe von Assoziationen auslösen. Ein Lied trägt uns an Orte unserer Erinnerung oder unserer kühnsten Phantasie, Lieder motivieren uns, lassen uns inne halten, nachdenken oder den Kopf endlich einmal ausschalten. Das Medium Musik kommuniziert. Ob wir uns dessen bewusst werden oder nicht.

Wenn Herbert Grönemeyer den Verlust seiner Frau verarbeitet, dann fühlen sich andere davon berührt – vielleicht, weil sie sein Empfinden aufgrund persönlicher Erfahrungen nachvollziehen können oder weil sein Schicksalsschlag durch seine Musik begreifbar wird. Wenn David Hasselhoff „Looking for Freedom“ singt, dann wissen meine Eltern und ihre Freunde immer noch ganz genau, wie es sich damals, 1989, angefühlt hat und verbinden mit I've been looking for freedom I've been looking so long, I've been looking for freedom, Still the search goes on viel mehr als nur ein Lied.

Daraus lässt sich folgern: Wir geben Musik eine Bedeutung für uns und das immer wieder, für die verschiedensten Situationen - mal sind wir dabei allein, mal machen wir gemeinsam Erfahrungen, die von Liedern begleitet werden. Fakt ist, dass Musik ein Erlebnis werden kann.

Für gewöhnlich ernten wir im universitären Kontext skeptische Blicke, wenn wir uns der Analyse von Songtexten, Gedichten, Photos, Bildern – von Kunst – zuwenden. Zumindest dann, wenn wir dazu ansetzen, diese für politikwissenschaftliche Sinnsuche fruchtbar zu machen. Wenn wir jedoch allein von uns selbst ausgehen, vom Effekt der morgendlichen Radiomusik und den Berichten der Eltern von 1989, dann wissen wir: Musik, das sind Ausschnitte von Geschichten, Anreize für emotionale Reaktion und definitiv „sprechende“ Zeitzeugen von Entscheidungen und Entscheidungsgründen.

Dave Hickey äußerte sich in einem Interview zur politischen Dimension von Kunst folgendermaßen: „Wie viele Leute finden etwas schön; um wen handelt es sich dabei, und wie wirkt sich dies auf ihr Entscheidungsfindung aus? An diesem Punkt überschneiden sich Kunst und Politik“ („The Invisible Dragon“, MONOPOL, 2013, S. 22). Grönemeyer, Hasselhoff – wer auch immer singt, wer singt, der wird gehört und das was wir da hören, wird zu mehr als nur einer Melodie. Es wird zu etwas, dem wir eine Bedeutung beimessen, die eventuell handlungsleitend wird. Damit wird Kunst potentiell politisch. Damit wird Musik für uns - über ihre bloße Schönheit hinausgehend – im wissenschaftlichen Kontext interessant.

Politische Botschaften verpacken viele Bands. Pink Floyd inszeniert auch heute noch ihr Lied „The Wall“ und vermittelt metaphorische Schlagkeulen gegen Krieg, Bevormundung und Vorurteile (siehe hierzu auch das Interview mit Eleni Blum, S.18). In die andere Richtung gedacht finden wir nationalsozialistische Propaganda, die auf Schulhöfen in CD Form verteilt wird – denn: Musik, die geht so einfach ins Ohr, die geht so schnell in den Kopf. Wer mit Musik argumentiert, der muss oft gar nicht allzu explizit werden. Ein, zwei Bilder und ein, zwei Anspielungen reichen, um ein System zu kritisieren, einen Umstand anzuprangern oder eine Änderung herbeizurufen – im wahrsten Sinne. Darauf bauen Protestlieder auf, daraus entstanden Blues und Jazz oder auch erfolgreiche Rap und Hip Hop Künstler in den USA und weltweit.


Musik geht „andere Wege“, die Kommunikation von Wünschen, Ideen, Anregungen geschieht über Symbole, Melodien, ggf. Videos; und sie ist dabei immer auch ein Ansatz, Mitsprache zu generieren, Austausch zu vitalisieren und Kritik zugänglich zu machen. As musicians we have a platform. People listen to us. Especially young people and I think that does come with a certain sense of responsibility and it is important to promote a positive message (Youthvillage.co.ca, Interview, 2010). So formulierte es Kyla-Rose Smith, Mitglied der pan-afrikanischen Band Freshlyground.

In ihrem Lied „Chicken to Change“ richtete sich die Band 2012 an Zimbabwes politisches Oberhaupt Robert G. Mugabe und warf ihm vor: You promised always to open the doors for us. Indeed it is you and only you who sleeps with the key. You are chicken to change (Songtext Chicken to Change, Freshlyground, 2012).
Mit einem phantastischen Video, das sie zusammen mit dem Karikaturisten Zapiro konzipiert und gemeinsam mit dem Produzenten von ZA News, Thierry Cassuto, aufgenommen haben, verpackten Freshlyground ihre Kritik in vollblütige Rhythmen und drastische Bilder. Robert Mugabe, Nelson Mandela, Desmond Tutu (Domino spielend), Jacob Zuma (flirtend) und Thabo Mbeki – alle haben sie ihren Auftritt im Video zum Song. Die Band selber tritt auf, traditionell im Stil der 80er in Zimbabwe gekleidet, und tanzt wie Hühner, was ihre Kritik selbstironisch untermalt.
Hühner, die in Zimbabwe mit Armut assoziiert werden, werden Herrn Mugabe im Musikvideo zum Kauf angeboten, ihre Federn fliegen ihm in die Augen und er wischt diese ungeduldig bei Seite. Sein Parteisymbol, ein stolzer Hahn, wirkt neben dem aufgeplusterten, mageren Federvieh deplatziert und seltsam realitätsfern. Und genau darum geht es der Band. Einleitendes Lob des Präsidenten für sein Engagement 1980, als Zimbabwe unabhängig von Großbritannien wurde, wird gefolgt von Barszenen und Chauffeurszenen, die in starkem Kontrast mit den Szenen außerhalb der fröhlichen Trinkwelt und hinter der Scheibe des verdunkelten Wagens stehen. Kritik wird laut an Mugabes 30-jähriger Machtstellung: You promised always to open thedoors for us. Indeed it is you and only you who sleeps with the key. You are chicken to change. Was hier gefragt zu werden scheint ist: wozu Unabhängigkeit, wenn dies das Resultat ist? Was ist aus dem Versprechen geworden, I, Robert Gabriel Mugabe swear that I will be faithful and swear to allegiance to Zimbabwe – so help me God?

Die Antwort wird im Song formuliert: das einstige Versprechen scheint hinter abgedunkelten Scheiben weit, weit fort zu sein – Armut der Bevölkerung gehört nicht zu der Realität des Präsidenten des Landes. Vielmehr scheint es in seiner Politik um Macht und mehr Macht zu gehen – für ihn persönlich und die Elite „seines“ Landes.

Wie zu erwarten war, hat Herr Mugabe auf die Kritik wenig erfreut reagiert. Der Band ist bis auf Weiteres die Einreise in das Land verweigert worden; von Konzerten kann erstmal nicht die Rede sein. Ein Misserfolg ist der Song damit jedoch noch lange nicht. Das Lied ist frei zum Download verfügbar gemacht worden und wird in Zimbabwe hinter verschlossenen Türen gehört. Und nicht nur das: es wurde in Afrika, in den USA, in Europa – in der Welt – gehört und kommentiert. The Telegraph, The Guardian, The Independent publizierten alle kurz nach Erscheinen des Stücks kritische Artikel. Blogs und Zeitungen aus Afrika schrieben begeistert: Freshlyground finally seem to feel confident enough to branch into political protest music. Hooray! und ein Journalist interpretiert das Lied als ein noch drastischeres Statement: Video by World Cup group Freshlyground challenges Zimbabwe dictator to "become the hero he used to be" -- and step down.”

Über ihre Rolle als Protestsong-Schreiber ließ die Band verkünden: The reason we decided to do that song and video is that it is an issue that is close to home for us as one of our members is from Zimbabwe and so the issue does have meaning beyond just being a political issue. But also it is not a totally serious song and does also poke fun at Mugabe – I think it is also good to look at things with a certain sense of humour and not take oneself too seriously, especially as an artist (Youthvillage.co.ca, Interview, 2010). Die Sprecherin der Band gab außerdem das Statement ab: We believe in freedom of speech and that people should be able to talk about topics that affect many civilians.

Musik, als Etwas, das nicht vollkommen Ernst genommen will, vermittelt manchmal leichter, was andernfalls schnell zu ernst wird. Auf die eingangs gestellte Frage Wie kann das, was ich denke, Dich anrühren? antworten: Einfach mal hinhören, einfach mal mitdenken und Resonanzraum für und Echo von Gedanken anderer werden.

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